Gewürze – Das scharfe Gold der Entdecker: Wie sie die Welt neu zeichneten

Gewürze – Das scharfe Gold der Entdecker: Wie sie die Welt neu zeichneten

Gewürzhandel in Colombo, Sri Lanka


Ein Griff ins Gewürzregal. Eine Prise schwarzer Pfeffer, eine Messerspitze Muskat. Was für uns heute eine alltägliche Handlung ist, war über Jahrtausende der Motor für Weltgeschichte. Diese unscheinbaren, getrockneten Samen und Rinden waren einst wertvoller als Gold, lösten Kriege aus und zeichneten die Karten der Welt neu. Die Geschichte des Gewürzhandels ist kein sanftes Märchen, sondern ein packender Thriller voller Gier, Mut und Brutalität. Sie ist die Geschichte, wie die Suche nach Geschmack die Menschheit für immer veränderte.

Das Gewürz Monopol des Ostens: Mythen und Mittelsmänner

Schon die alten Ägypter nutzten Gewürze, doch ihre Herkunft war für die Europäer jahrhundertelang ein Mysterium. Arabische Händler hielten das Monopol fest in ihrer Hand und schützten ihre Quellen mit abenteuerlichen Geschichten von greifvogelbewachten Zimtklippen und pfefferhütenden Giftschlangen. Diese Mythen trieben die Preise in astronomische Höhen. Der Handel florierte über Zwischenhändler – erst die Araber, dann die Venezianer, die durch die Zölle unermesslich reich wurden, während der europäische Adel für ein Pfund Muskatnuss den Wert von sieben Ochsen zahlte.

Gewürze
Gewürzhandel
Vasco da Gama und der Durchbruch: Der Seeweg nach Indien eröffnet den globalen Gewürzhandel
Vasco da Gama und der Gewürzhandel

​Im 15. Jahrhundert wurde die Sehnsucht, dieses Monopol zu brechen, übermächtig. Angetrieben von Gier und missionarischem Eifer, suchten die Portugiesen den direkten Seeweg nach Indien. Es war Vasco da Gama, der 1498 in Calicut an Land ging und verkündete, er komme, um „Christen und Gewürze“ zu suchen. Dieser Moment markierte das Ende einer Ära und katapultierte Portugal über Nacht zur neuen Supermacht im Gewürzhandel, die ihre Kontrolle mit Kanonenbooten sicherte.

„Der Handel hat die Erde zwar umrundet, aber nicht die Menschheit umarmt.“

– Jonathan Swift

Jan Pieterszoon Coen
Die Gier nach Reichtum durch Gewürze löscht Völker aus

​Der Erfolg der Portugiesen rief neue, noch rücksichtslosere Konkurrenten auf den Plan: die Niederländer und Engländer. Hier beginnt die direkte Verbindung zur Kolonialgeschichte Sri Lankas, der weltweit wichtigsten Quelle für Zimt. Die Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) errichtete im 17. Jahrhundert ein brutales Monopol, versklavte die Bevölkerung zur Ernte und bestrafte Schmuggel mit dem Tod.

Noch grausamer gingen sie auf den winzigen Banda-Inseln vor, dem einzigen Ort der Welt, an dem Muskatnuss wuchs. Um die vollständige Kontrolle zu erlangen, rottete die VOC zwischen 1609 und 1621 unter Führung von Jan Pieterszoon Coen fast die gesamte einheimische Bevölkerung der Orang Kaya („reiche Männer“) aus. Der süßliche Duft der Muskatnuss hat bis heute einen bitteren Beigeschmack von Blut und Tränen – wenn man daran erinnern würde.

Vor der Gier nach Exotik waren die heimischen Kräuter und Gewürze : Hildegard von Bingen und der Wandel der Zeit

Während die Gier nach seltenen Gewürzen wie Muskatnuss erst Jahrhunderte später zu brutalen Eroberungszügen führte, gab es in Europa bereits weise Köpfe, die die Kraft der Natur – einschließlich der damals verfügbaren Gewürze – zu nutzen wussten. Eine der herausragendsten Figuren war die deutsche Äbtissin, Mystikerin und Heilerin Hildegard von Bingen (1098-1179).

Welche Rolle spielten Gewürze in Hildegards Lehre?

​Hildegard von Bingen konzentrierte sich in ihren natur- und heilkundlichen Schriften auf die Pflanzen und Gewürze, die in ihrer Umgebung wuchsen oder über die damaligen, noch begrenzten Handelswege nach Mitteleuropa gelangten. Sie sah sie als wichtige Heilmittel mit spezifischen Wirkungen auf Körper, Geist und Seele. Besonders schätzte sie beispielsweise:

  • Gewürznelke & Ingwer: Auch wenn seltener und teurer, waren diese wärmenden Gewürze bekannt und fanden in ihrer Heilkunde Erwähnung, oft zur Linderung von Schmerzen oder zur Anregung.
  • Galgant: Eine Ingwer-ähnliche Wurzel, die sie als „Gewürz des Lebens“ bezeichnete und bei Herz- und Magenbeschwerden empfahl.
  • Bertram: Eine Pflanze, die sie zur Stärkung der Nerven und zur Verbesserung der Verdauung einsetzte.

Hildegard von Bingens ganzheitlicher Ansatz, der die Kräfte der verfügbaren Natur nutzte, steht im faszinierenden Kontrast zur späteren Epoche des globalen Gewürzhandels, die von der unstillbaren Gier nach exotischen, fernen Schätzen und der rücksichtslosen Ausbeutung anderer Kontinente geprägt war.

Ihre Lehren erinnern uns daran, dass wertvolle Heil- und Würzmittel nicht immer vom anderen Ende der Welt kommen müssen, sondern oft direkt vor unserer Haustür wachsen – ein Gedanke, der in Zeiten des bewussten Reisens und Konsums wieder an Bedeutung gewinnt.

Hildegard von Bingen
Muskatnuss Gewürz
Kräutergarten in Maulbronn
Vom Luxusgut zur Massenware: Das Ende des Rausches
Pierre Poivre

​Letztendlich gelang es dem Franzosen Pierre Poivre im 18. Jahrhundert, Setzlinge von Muskat- und Gewürznelkenbäumen zu schmuggeln und das niederländische Monopol zu brechen. Die Gewürze verbreiteten sich, die Preise fielen, und was einst die Gier von Königen weckte, wurde langsam zu dem, was es heute ist: eine erschwingliche Zutat in jeder Küche.

„Das Salz ist nicht süß, der Pfeffer ist nicht sanft – erst die richtige Mischung macht den Genuss.“

– Deutsches Sprichwort

Gewürzregal im Supermarkt

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