Nicht unfreundlich, sondern französisch:
Warum der Schlüssel zu Frankreich nicht im Service, sondern in der Haltung liegt

Es ist eines der hartnäckigsten Klischees des Reisens: Der arrogante Pariser Kellner, der einen geflissentlich ignoriert. Die Verkäuferin, die das Gespräch unterbricht, weil das Telefon klingelt. Das Gefühl, als Gast eher geduldet als willkommen zu sein.
Viele Reisende kehren aus Frankreich zurück mit dem Urteil: „Wunderschönes Land, aber der Service ist eine Katastrophe.“ Französische Lebensart wird nicht verstanden.
Als Reisedesigner und jemand, der seit Jahrzehnten hinter die Kulissen blickt, sage ich: Das ist ein grundlegendes Missverständnis. Wer Frankreich mit der Dienstleistungs-Schablone misst, die wir aus den USA oder, wenn auch nicht immer, auch aus Deutschland kennen, wird scheitern. Denn Frankreich ist kein „Service-Land“ in diesem Sinne. Und das ist – wenn man den kulturellen Code einmal geknackt hat – sogar eine gute Nachricht.
Distanz ist keine Ablehnung, sondern Höflichkeit

In vielen Kulturen gilt: Der Kunde ist König, und der Dienstleister ist dazu da, dessen Wünsche möglichst unsichtbar und effizient zu erfüllen. Nähe und „Kumpelhaftigkeit“ wird oft als gute Bedienung empfunden.
In Frankreich herrscht ein anderes Verständnis. Hier ist die Interaktion im Restaurant oder im Geschäft eine Begegnung zwischen zwei Ebenbürtigen. Der Kellner „dient“ Ihnen nicht; er übt seinen Beruf aus. Er hat seine Würde und seinen Stolz. Eine gewisse Distanz und Kühle sind hier kein Zeichen von Unfreundlichkeit, sondern von Diskretion und Respekt vor der Privatsphäre des anderen. Wer diese Distanz als Arroganz deutet, liest die Signale falsch und wertet sie eher als das Gefühl, was einen in Deutschland oft beschleicht, dass man als Belästigung empfunden wird.
Das „Bonjour“ als Eintrittskarte

Die meisten Missverständnisse in Frankreich sind kultureller, nicht persönlicher Natur. Das beste Beispiel ist das „Bonjour“.
Wer in Deutschland eine Bäckerei betritt und sofort „Zwei Brötchen bitte“ sagt, gilt als zielstrebig. In Frankreich gilt das als grobe Unhöflichkeit, fast als Affront. Das „Bonjour, Monsieur/Madame“ ist nicht nur eine Grußformel. Es ist die zwingende Anerkennung des Gegenübers als Mensch, bevor die Transaktion beginnt. Wer diesen Schritt überspringt, wird oft mit jener sprichwörtlichen Kälte bestraft, die dann als „schlechter Service“ ausgelegt wird.
Frankreich erwartet von Reisenden keine fließenden Sprachkenntnisse. Aber es erwartet die Einhaltung dieser grundlegenden Regeln des Miteinanders.
Service vs. Haltung

Das Missverständnis liegt oft in unserer Erwartungshaltung. Wir erwarten Funktionalität und Schnelligkeit. Frankreich bietet stattdessen Atmosphäre und Zeit.
Ein französisches Menu ist eine Inszenierung, kein Tankstopp. Wenn der Kellner Sie nach dem Essen lange nicht behelligt und die Rechnung nicht bringt, ist das oft keine Nachlässigkeit. Es ist das kulturelle Verständnis, dass der Tisch nun Ihnen gehört und man Sie nicht drängen möchte, zu gehen. Was wir, im günstigsten Fall, als wenig effektiv empfinden, ist dort das Gewähren von Raum.
Fazit: Den Code knacken
Frankreich ist nicht unfreundlich. Es ist nur sehr, sehr französisch. Es ist ein Land, das seine kulturellen Codes schützt und erwartet, dass der Gast sich auf sie einlässt.
Wenn Sie das nächste Mal in Paris oder der Provence sind, versuchen Sie es mit einem Perspektivwechsel: Sehen Sie sich nicht als Konsumenten, der eine Leistung abruft, sondern als Gast, der einen Raum betritt. Grüßen Sie zuerst. Akzeptieren Sie die Distanz als Form der Höflichkeit. Sie werden feststellen: Sobald Sie diese Resonanz erzeugen, verändert sich das Verhalten Ihres Gegenübers schlagartig.

Plötzlich ist Frankreich nicht mehr das Land des schwierigen Services, sondern das Land der echten menschlichen Begegnung.
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