Eine Reise durch die Welt des Aberglauben

Eine Reise durch die Welt des Aberglauben: Vom Blocksberg zur flachen Erde

Aberglauben und Mythen

Der Harz. Ein Mittelgebirge in Deutschland, bekannt für seine dichten Wälder, schroffen Felsen und tiefen Täler. Doch der Harz ist mehr als nur eine malerische Landschaft. Er ist ein Ort, der seit Jahrhunderten die Fantasie der Menschen beflügelt, ein Nährboden für Mythen, Sagen und einen tief verwurzelten Aberglauben.

Die bekannteste Gestalt dieses mythischen Harzes ist die Hexe, die angeblich in der Walpurgisnacht auf dem Brocken, dem höchsten Gipfel, ihr Unwesen treibt.

Doch was steckt hinter diesen alten Geschichten? Und warum scheinen Aberglaube und Verschwörungsmythen auch in unserer modernen, aufgeklärten Welt eine ungebrochene Faszination auszuüben – bis hin zur absurden „Flat Earth “ Theorie?

Begleiten Sie mich auf eine Reise in die Zwielichtzone zwischen Fakt, Fiktion und menschlicher Psyche.


Der Brocken als Hexentanzplatz: Wo Goethe auf den Teufel traf
Hexentanzplatz im Harz


Der Brocken, von alters her auch Blocksberg genannt, ist der unumstrittene Star der Harzer Mythenwelt. Schon im Mittelalter rankten sich Sagen um unheimliche Zusammenkünfte auf seinem windumtosten Gipfel. Doch seinen literarischen Ritterschlag erhielt er durch Johann Wolfgang von Goethe. In seinem „Faust“ lässt er Mephistopheles den Doktor Faust in der Walpurgisnacht (der Nacht zum 1. Mai) auf den Brocken führen, zu einem wilden, ausschweifenden Fest der Hexen und Dämonen. Diese Szene prägte das Bild des Hexentanzplatzes nachhaltig und machte den Harz endgültig zum Epizentrum des deutschen Hexenmythos.

Hexentanz

Doch Goethes Beschreibung war keine reine Erfindung. Sie speiste sich aus einem tief verwurzelten Volksglauben, der in ganz Europa verbreitet war.

Die Vorstellung von Hexen, die auf Besen oder Tieren zum Sabbat fliegen, um mit dem Teufel zu paktieren, war im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit weit verbreitet und führte zu den grausamen Hexenverfolgungen, denen Hunderttausende, vor allem Frauen, zum Opfer fielen.

Der Harz, mit seinen abgelegenen Tälern und unheimlichen Wäldern, bot die perfekte Kulisse für solche Ängste und Projektionen. Orte wie Thale mit seinem Hexentanzplatz und der Roßtrappe oder die Einhornhöhle wurden zu realen Schauplätzen, die mit übernatürlichen Ereignissen in Verbindung gebracht wurden.

Gedenkstein der Stadt Wernigerode zur Hexenverfolgung

,,Die Stadt Wernigerode gedenkt aller Frauen und Männer, die im Zuge der Hexenverfolgung unschuldig gefoltert und/oder hingerichtet wurden.“

Gedenkstein Hexenverfolgung der Stadt Wernigerode

Aus der Zeit zwischen 1521 und 1708 sind 59 Gerichtsprozesse in Stadt und Grafschaft Wernigerode wegen des Vorwurfs der Hexerei, Zauberei und „,Teufelsbuhlschaft“ bekannt. Im ehemaligen Amtshaus wurden die vermeintlichen Hexen inhaftiert, ,,in Güte“ befragt und teilweise auch gefoltert. Sogenannte, Peinliche Befragungen“ unter Folter führte man in der Alten Kanzlei auf dem Schloß zu Wernige- rode durch. Hinrichtungen fanden auf dem Galgenberg, einige auch auf dem Marktplatz statt.

Nach diesen Prozessen wurden 15 Männer und Frauen -aus heutiger Sicht unschuldig- wegen Hexerei und „Teufelsbuhlschaft“ hingerichtet, weitere wegen schwerer Ver- brechen und Mord. Die Urteile wurden nach damals geltendem Recht von unabhängigen Schöffengerichten gefällt. Die Inquisition spielte keine Rolle. Das letzte Todesurteil gegen eine vermeintliche Hexe wurde in Wernigerode im Jahr 1609 gefällt.

Das solche Vorstellungen noch lange nachwirkten, lässt sich in Tangermünde am Schicksal von Grete Minde ablesen.

WERNIGERODER GESCHICHTS UND HEIMATVEREIN e.V. – Maßgeblich unterstützt durch die Stadt Wernigerode


Die Psychologie des Aberglaubens: Warum wir an das Irrationale glauben


Aber warum glauben Menschen überhaupt an Hexen, Geister oder Verschwörungen? Die Psychologie bietet einige Erklärungen. In Zeiten von Unsicherheit, Krisen oder unerklärlichen Ereignissen (wie Missernten, Krankheiten oder Naturkatastrophen) sucht der menschliche Geist nach Mustern und einfachen Erklärungen. Aberglaube und Verschwörungsmythen bieten genau das: Sie reduzieren komplexe Realitäten auf simple Ursache-Wirkungs-Ketten und benennen oft einen Sündenbock (die Hexe, eine geheime Elite etc.).

Hexen Utensiliem

Zudem gibt uns Aberglaube das Gefühl von Kontrolle. Rituale wie das Tragen von Amuletten, das Klopfen auf Holz oder das Vermeiden schwarzer Katzen sollen uns vor Unheil schützen.

Auch wenn dies rational betrachtet unwirksam ist, kann der Glaube daran Ängste reduzieren und ein Gefühl der Sicherheit vermitteln.

Hinzu kommt der soziale Aspekt: Das Teilen eines gemeinsamen Aberglaubens oder Verschwörungsmythos kann eine Gruppe zusammenschweißen und ihr eine gemeinsame Identität geben.




Von Hexen zu „Flat Earthern“: Der moderne Aberglaube im digitalen Zeitalter

Man könnte meinen, dass Aberglaube im Zeitalter der Wissenschaft und Aufklärung verschwunden sei. Doch das Gegenteil ist der Fall. Das Internet und die sozialen Medien haben sich als Katalysator für die Verbreitung neuer und alter Mythen erwiesen. Die Mechanismen sind dabei erstaunlich ähnlich geblieben.

Mann auf Salzsee

Die Bewegung der „Flat Earther“, die allen wissenschaftlichen Beweisen zum Trotz behauptet, die Erde sei eine Scheibe, ist ein Paradebeispiel. Sie konstruieren eine alternative Realität, in der eine globale Verschwörung (von NASA, Regierungen etc.) die „Wahrheit“ unterdrückt. Ähnlich wie bei den Hexenverfolgungen werden komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert oder als Lügen abgetan, und es wird ein klares Feindbild geschaffen. Die Anhänger dieser Theorien finden in Online-Communities Bestätigung und Zusammenhalt.

Chemtrails im Himmel

Auch andere moderne Verschwörungsmythen – von Chemtrails über Impfgegnerschaft bis hin zu QAnon – folgen denselben psychologischen Mustern: Sie bieten einfache Erklärungen für komplexe Probleme, schaffen ein Gefühl von exklusivem Wissen und stiften Gemeinschaft unter Gleichgesinnten, oft verbunden mit einem tiefen Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen und wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Fazit für den Reisenden
Sandsteinhöhlen im Harz

Ein Besuch im Harz ist heute eine faszinierende Reise in diese Welt zwischen Mythos und Realität. Man kann auf den Spuren Goethes zum Brocken wandern, die schaurig-schönen Sagenorte besuchen und gleichzeitig darüber nachdenken, wie tief die Wurzeln des Aberglaubens in uns allen stecken.

Die Konfrontation mit dem Aberglauben, sei es in den alten Sagen des Harzes oder in den modernen Mythen des Internets, ist letztlich eine Einladung zur Selbstreflexion. Sie fordert uns heraus, kritisch zu denken, Informationen zu hinterfragen und uns der psychologischen Fallstricke bewusst zu sein, die uns dazu verleiten können, an das Irrationale zu glauben.

Eine Reise in den Harz kann somit mehr sein als nur ein Ausflug in eine schöne Landschaft – sie kann eine Reise zu den Abgründen und Höhepunkten des menschlichen Geistes sein.


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