Kalkutta an der Spree – Eine sehr persönliche Stellungnahme

Kalkutta an der Spree:
Eine sehr persönliche Stellungnahme zum Zustand Berlins

Kalkutta an der Spree

Foto: Ein krasses Bild. Und ich muss ehrlich dazu sagen. Nur zweimal so schlimm gesehen.

Ich kam 1992 nach Berlin.

Nach 22 Jahren Remscheid und 10 Jahren Essen hatte ich das Gefühl: Ich habe es geschafft. Ich atmete die Weite. Die breiten Straßen. Den Osten, in dem noch alles möglich schien. Der Berliner Fahrstil war damals ruppig, aber herzlich – fast südländisch. Man parkte in zweiter Reihe, man lebte und ließ leben.

Heute, über 30 Jahre später, ist dieses Gefühl tot. Berlin ist für mich zu „Bählin“, Kreuzberg, mein früheres SO36, zu „Kotzwürg“ geworden. Eine Stadt, die anscheinend kapituliert hat.

Meine Theorie der rot-weißen Schranken 😉

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Berlin ist eine einzige Baustelle. Aber es wird nichts fertig. Ich habe dazu eine Theorie, die Dieter Nuhr vielleicht von mir geklaut hat: Die tausenden rot-weißen Absperrschranken, die überall herumstehen, sind eigentlich in Form gepresster Plastikmüll. Es wurden nie Lager dafür geplant, um von vorneherein Lagerkosten zu sparen. Was aus gesammeltem Plastik gepresst wird, kommt unverzüglich ins Straßenland. Anders ist diese Flut nicht zu erklären.

Absperrschranken
Kriegszone Straße: Poller und Radioten

Früher kam man hier voran. Heute führt die Stadt Krieg gegen das Auto – und damit gegen die Logik. Denn jetzt müssen Autofahrer längere Wege fahren, zum Teil durch Straßen, die bisher nur wenig Verkehr hatten.
In Nord-Neukölln und anderswo pflanzen sie Poller auf die Straßen. Was in Frankreich grazil und trotzdem wirkungsvoll daher kommt, erinnert in Berlin an Panzersperren.

Straßenpoller in Frankreich
Straßenpoller in Berlin

Foto: Straßenmöbel in Frankreich

Foto: Straßenmöbel in Berlin

Spielstraße in Neukölln

Aber das Schlimmste ist für mich die „temporäre Spielstraße“. Statt mit den Kindern auf Spielplätze oder ins Grüne zu gehen (wo sie sich ja dreckig machen könnten), sperrt man Straßen. Das Ergebnis: Gelangweilte Kinder, die Kreidestriche auf den Asphalt malen, während Anwohner verzweifelt Parkplätze suchen.

Und dann die E-Mobilität. Überall werden Roller und Räder, ohne Respekt vor Fußgängern, mittig auf den Gehwegen abgestellt.

Foto: Moderne Artefakte des Egoismus – einmal quer über den Bürgersteig, bitte.

Dazu die „Krone der Schöpfung“: Der Kreuzberger Radfahrer

Oder, wie ich den bösartigen Teil von ihnen nenne: Radioten. Sie fordern jeden Schutz für sich selbst, treten, im wahrsten Sinne des Wortes, aber nach unten.

Wenn ich mit meinem Zwergpudel aus dem Haus gehe, habe ich Angst. Nicht vor Autos, sondern vor lautlosen Lastenrädern auf dem Gehweg, gesteuert von Menschen, die sich für moralisch überlegen halten, doch immer wieder Mitmenschen belästigen und gefährden, was jedes mal eine strafbare Handlung darstellt.

Dabei belasten sie zunehmend auch die Umwelt mit Billigimporten und einer immer mehr ansteigenden Batterieproduktion. Steuern, Haftpflichtversicherungen, Kennzeichnungspflicht, eine gewisse gesellschaftliche Mitwirkung – für Radioten nicht akzeptabel.

Die optische Verwahrlosung
Leckis - Kein Schild, kein Mast bleibt verschont. Die Stadt als Klebebuch.


Berlin klebt. Alles ist voll mit „Leckis“ (Stickern). Verkehrsschilder, Briefkästen, Laternen – alles zugekleistert. Es ist ein visueller Tinnitus. Nichts bleibt verschont.

Selbst die Behälter für den Dreck sind vor Dreck kaum noch zu erkennen. Als hätten sie Ausschlag.

Viele Aufkleber auf einer Abfalltonne

Foto: Visueller Herpes.

Dazu Graffiti, das nichts mit Kunst zu tun hat, sondern mit purer Respektlosigkeit. Da werden wunderschöne Stuckfassaden oder 100 Jahre alte Holztüren beschmiert.

Respekt vor fremdem Eigentum? In Berlin ein Fremdwort.

Selbst vor Kunst wird nicht Halt gemacht: Ein liebevolles Wimmelbild an einer Brandwand in Kreuzberg? Nach wenigen Tagen mit schwarzer Farbe zerstört. In Palma de Mallorca reinigt die Stadt so etwas sofort und gewährt Hausbesitzern Zuschüsse für die Entfernung von Graffiti. In Berlin feiert man den Dreck als „Authentizität“.

Kunst oder Vandalismus? In Berlin verschwimmt die Grenze, bis alles beschmiert ist.

Grafitti auf alter Haustür
Wimmelbild mit Hunden in Kreuzberg
Es geht auch anders: Der Blick in die Provinz
Unterführung mit Wandporträts berühmter Stendaler in Stendal

Dass dieser Vandalismus kein Naturgesetz ist, zeigt ein Blick nach Stendal. Ja, Stendal. In einer Unterführung dort gibt es bemalte Wände mit Porträts. Sauber. Unbeschmiert. Respektiert.
In Berlin würde dieses Kunstwerk keine 24 Stunden überleben. Das zeigt: Berlin hat kein Geldproblem, es hat ein Anstandsproblem.

Foto: Stendal zeigt, wie es geht: Öffentlicher Raum, der respektiert wird.

Der Verfall des Westens

Wer glaubt, das sei nur ein Neukölln oder Kreuzberg Problem, der irrt. Auch der alte Westen verfällt. Die U-Bahnstation Uhlandstraße, eine Ader zum Kurfürstendamm, ist ein Trauerspiel. Andere Städte sind stolz auf ihre Metro, inszenieren sie als Paläste. Berlin lässt viele U-Bahnhöfe verdrecken und verrotten.

Foto: Tristesse unterm Kudamm. Der Verfall macht vor keiner Bezirksgrenze halt.

U-Bahn Station Uhandstraße, Hauptstadt
Arroganz statt Integration

Versuchen Sie mal, in Mitte oder Kreuzberg einen Kaffee auf Deutsch zu bestellen. Sie werden angeschaut wie ein Alien. „Sorry, English only“ ist die Standardantwort. Nicht entschuldigend, sondern fordernd, oft mit einem genervten Augenrollen. Wer hier lebt und die Landessprache spricht, ist plötzlich der Störfaktor in der kosmopolitischen Blase. Man muss sich im eigenen Kiez rechtfertigen, wenn man nicht sofort ins Englische wechselt. Integration? Fehlanzeige. Wir Einheimischen haben uns gefälligst anzupassen.

Am schlimmsten aber ist die soziale Kälte, die mit dieser neuen Bevölkerungsschicht einzog, oft getarnt als „Wokeness“. Wie neulich im „Myxa“: Ich warte an der einzigen Toilette. Zwei Frauen drängeln sich wortlos vor. Als ich der dritten den Weg versperre – höflich, ohne Berührung, nur mit einer Geste – schreit sie los: „He touched me! He touched me!“. Sie holt ihr Handy raus, fotografiert mich, droht mit Polizei. Ich rufe die Polizei selbst. Da ist sie schon verschwunden.

Das ist der neue Geist dieser Stadt: Hysterie statt Anstand. Alte weiße Männer stehen pauschal unter Verdacht..

Das Elend auf der Straße

Foto: Nach der Party die Sintflut. Ein Kind blickt auf das Erbe der Feiernden.

In Venedig wird der Müll jede Nacht weggeräumt. In Athen putzt die Stadtreinigung selbst noch am Abend die Straßen der Altstadt. Und eigentlich könnte ich jede Stadt nennen, in der ich die letzten Jahre war, ob im In- oder Ausland. In Berlin liegt der Dreck vom Karneval der Kulturen noch tagelang in der Hasenheide.

Ratte liegt tot auf dem Hermannplatz

Die Stadt hat aufgegeben. Das sieht man nirgendwo deutlicher als am Hermannplatz. Dort, wo das Elend nicht mehr versteckt wird, sondern einfach auf der Straße liegt. Sei es eine tote Ratte, die niemanden mehr stört…

Foto: Alltag am Hermannplatz. Der Tod gehört zum Straßenbild.

Obdachloser im Zelt am Lnadwehrkanal

…oder Menschen, die komplett durch das Raster gefallen sind. Überall Zelte. Unter der Hochbahn, am Görlitzer Bahnhof, in den Büschen am Kanal. Es sind keine Provisorien mehr, es sind Dauerzustände. Und auch hier gilt: Das sieht man mittlerweile auch in Charlottenburg, nicht weit vom Kudamm.

Fotos: Elend als Dauereinrichtung. Zelte gehören mittlerweile zum Stadtmobiliar.

Obdachlose Frau liegt vor Karstadt am Hermannplatz

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Und im Sommer liegen die Menschen schon überall. Wie monatelang die Frau vor Karstadt am Hermannplatz. Menschen schlafen auf Matratzen, verrichten ihre Notdurft in Plastikschüsseln, während die Kunden daran vorbeilaufen. Die Karstadt Hauptverwaltung in Essen sagte auf Anfrage: „Nicht unsere Zuständigkeit.“ Der Bezirk lässt es geschehen. Wäre das in Hamburg oder München möglich? Sicher nicht.

Foto: Ein stiller Beweis dafür, wie sehr Menschlichkeit verloren geht

Warum ich die Stadt in Raten verlasse

Ich habe Berlin geliebt. Die Weite. Die Freiheit. Aber diese Freiheit ist zu oft zur Verwahrlosung verkommen. Plan & Go ist meine Antwort darauf. Ich suche Qualität, echtes Leben und Respekt. Dinge, die ich in Berlin nicht mehr finde. Mein Bählin ist an vielen Orten am Ende.

Und warum Sie die Stadt dennoch besuchen sollten

Aber wo viel Schatten ist, gibt es doch auch noch Licht. Ich zeige Ihnen hier die ungeschminkten Schattenseiten dieser Stadt, weil Wegsehen keine Lösung ist. Aber dazwischen gibt es sie noch – die Momente, die Orte, das Licht. Auch diese Seiten kenne und liebe ich. Und ich zeige sie Ihnen sehr gerne.

Besuchen Sie deshalb auch die Berlin Galerie und stöbern Sie in den beispielhaft ausgearbeiteten Berliner Reisekonzepten. Dort finden Sie das Berlin, das es noch zu retten gilt.


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