Tränen der Götter: Mythen, Magie …

Tränen der Götter: Mythen, Magie und Millionenwerte des Bernsteins

A beautifully illuminated orange amber stone with detailed textures and patterns.

Für die Römer war es das „Gold des Nordens“, ein mystischer Stein, wertvoller als Gold, getragen als Schmuck und verbrannt als Weihrauch. Die Rede ist vom Bernstein – jenem versteinerten Baumharz, das seit Jahrtausenden an den Küsten der Ostsee angespült wird. Doch Bernstein ist weit mehr als nur ein Mitbringsel vom Fischland-Darß; er ist ein magischer Heilstein, ein Fenster zur Urzeit und der Protagonist einer der ältesten Handelsrouten der Menschheitsgeschichte.

​Tränen der Götter: Die Mythen des Bernsteins

​Schon die Antike war fasziniert von diesem Stein, der aus dem Meer kam. Da man sich seine Herkunft nicht erklären konnte, entstanden kraftvolle Mythen:

Mythos Bernstein: hier bernsteinfarnene Wolken
  • Die Griechische Sage (Phaethon): Die bekannteste Legende erzählt von Phaethon, dem übermütigen Sohn des Sonnengottes Helios. Er stahl den Sonnenwagen seines Vaters, konnte ihn nicht lenken und drohte, die Erde zu verbrennen. Zeus musste ihn mit einem Blitz zur Strecke bringen. Phaethons Schwestern, die Heliaden, versammelten sich am Ufer des mythischen Flusses Eridanus (oft als die Ostsee interpretiert) und weinten untröstlich. Sie verwandelten sich in Pappeln, und ihre endlosen Tränen, die ins Wasser fielen, erstarrten zu goldenem Bernstein.
  • Die Baltische Sage (Juratė): Im Baltikum erzählt man sich die Geschichte der Meeresgöttin Juratė, die in einem prächtigen Bernsteinpalast unter Wasser lebte. Als sie sich in den einfachen Fischer Kastytis verliebte, erzürnte dies den obersten Gott Perkūnas. Voller Eifersucht zerschmetterte er den Palast mit einem Blitz. Die unzähligen kleinen Bernsteinstücke, die bis heute an die Küste gespült werden, sind die Trümmer dieses Palastes – oder die versteinerten Tränen, die Juratė ewig um ihren verlorenen Geliebten weint.

​Die Bernsteinstraße: Globalisierung in der Steinzeit

Alte Straße aus einzelnen Steinen
Amber Fort in Jaipur

​Die Faszination für dieses Material ist uralt. Es existierte ein Handelsroutennetzwerk von der Ostsee zum Mittelmeer schon seit der Jungsteinzeit (ca. 3000 v. Chr.). Die Bezeichnung „Bernsteinstraße“ etablierte sich für die gesamte Handelsroute im 19. Jahrhundert, obwohl es sich dabei nicht um eine einzelne Straße handelte, sondern um ein Netz von Routen. Archäologische Funde, wie in Bernstorf in Bayern, deuten darauf hin, dass Bernstein auch andere Wege über den Rhein und die Donau nahm und über das Mittelmeer bis nach Ägypten gelangte.

  • ​In der Bronzezeit wurde baltischer Bernstein nach Griechenland (mykenische Gräber) und sogar Ägypten (Pharaonengräber) transportiert – eine Handelsverbindung, die die Ostsee mit dem Nil verband.
  • ​Die Römer perfektionierten diese Route. Der Gelehrte Plinius der Ältere (1. Jh. n. Chr.) war es, der in seiner „Naturalis historia“ erstmals korrekt dokumentierte, dass Bernstein aus Kiefernharz stammt und seine Herkunft im Norden liegt.

​Ein Stein voller Magie und Leben

Ganz viel Bernstein

​Diese göttliche Herkunft verlieh dem Bernstein in den Augen der Menschen immense Kraft. Für die Menschen im Süden, die keine Vorstellung hatten, woher dieses „Gold des Meeres“ kam, war Bernstein etwas sagenhaftes. Ihm wurden zahlreiche magische und heilende Eigenschaften zugeschrieben:

  1. Schutz und Heilung: Als Amulett getragen, sollte Bernstein vor bösen Geistern, Unheil und Krankheiten schützen. Man nutzte ihn zur Linderung von Halsschmerzen, Fieber und Magenproblemen.
  2. Eingeschlossenes Leben (Inklusen): Die faszinierendsten Stücke waren jene mit fossilen Einschlüssen. Die Menschen waren gebannt von den perfekt erhaltenen Insekten und Pflanzenteilen im Inneren. Sie sahen darin ein Symbol für die Konservierung des Lebens und ein Versprechen der Unsterblichkeit.
  3. Die göttliche Kraft (Elektron): Die Griechen bemerkten früh, dass Bernstein (griechisch: elektron) bei Reibung statische Elektrizität erzeugt und leichte Gegenstände anzieht. Sie sahen darin eine dem Stein innewohnende, magische Kraft – und wurden so unbeabsichtigt zu den Namensgebern unserer heutigen Elektrizität.

​Das Zentrum des Goldes: Das Museum in Ribnitz-Damgarten

​Wer heute in die Seele des Bernsteins blicken will, muss nach Ribnitz-Damgarten reisen. Hier, im ehemaligen Klarissenkloster, befindet sich das Deutsche Bernsteinmuseum, die umfassendste Sammlung ihrer Art in Deutschland.

Bernstein Anhänger
Blick auf eine Vitrine im Bernstein Museum in Ribnitz-Damgarten

​Das Museum ist eine Offenbarung. Man wandelt durch Räume, die die Naturgeschichte dieses 40 bis 50 Millionen Jahre alten Baumharzes erklären. Man steht ehrfürchtig vor den kunstvollen Bernsteinarbeiten aus dem 16. und 17. Jahrhundert, als das Harz in den Werkstätten von Danzig und Königsberg zu kostbaren Kunstgegenständen für Fürstenhöfe verarbeitet wurde. In der Schauwerkstatt kann man den Schleifern bei der Arbeit zusehen, und natürlich sind die Inklusen – die Fenster zur Urzeit – die stillen Stars der Sammlung.

​Bernstein in der Gegenwart: Comeback, Kapitalanlage und Fälschungen

Close-up shot of a woman wearing a floral dress and a statement necklace with amber stones.

​Galt Bernstein in Europa lange als „Oma-Schmuck“, erlebt er heute ein massives Comeback. Dies liegt vor allem an der hohen Nachfrage aus Asien (insbesondere China) und arabischen Ländern, wo er als Symbol für Glück und Wohlstand gilt.

  • Design & Handel: Traditionelle Designs werden durch moderne, minimalistische Stücke in Silber und Gold abgelöst. Gehandelt wird das Rohmaterial nicht an einer Börse wie Frankfurt, sondern auf spezialisierten Fachmessen (wie in Danzig), Online-Plattformen („Bernstein Börse Hamburg„) und bei Auktionen für seltene Stücke.
  • Herausforderung Fälschung: Die hohe Nachfrage hat auch den Markt für Fälschungen explodieren lassen, was beim Kauf Vorsicht erfordert.
  • Die teuersten Stücke: Der Wert wird durch Farbe, Reinheit und Inklusen bestimmt. Der seltenste ist der Blaue Bernstein aus der Dominikanischen Republik. Während das (verschollene) Bernsteinzimmer als das wertvollste Kunstobjekt gilt (Schätzwert 150 Mio. $), erzielen Stücke mit perfekten Inklusen Rekordpreise – so wurde ein Bernstein-Ei mit einer Mücke bei Christie’s für 4 Millionen Dollar versteigert.

​Ein Besuch im Bernsteinmuseum in Ribnitz-Damgarten ist also weit mehr als ein regionaler Ausflug – es ist ein Eintauchen in die Mythologie, die Anfänge der Globalisierung und einen überraschend modernen, globalen Luxusmarkt.


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