Brot – Mehr als nur eine Mahlzeit: Die Seele Deutschlands in …

Brot – Mehr als nur eine Mahlzeit: Die Seele Deutschlands in über 3.200 Brotsorten

Brotregal mit verschiedenen Brotlaiben


Einleitung

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Deutschland denken? Autos, Bier, Pünktlichkeit? Sicher. Aber es gibt etwas viel Älteres, viel Tiefgründigeres, das die deutsche Kultur prägt wie kaum etwas anderes: Brot. Ja, Brot. Was anderswo oft nur eine Beilage ist, ist in Deutschland ein Kulturgut, ein Handwerk, fast eine Religion. Mit über 3.200 offiziell registrierten Sorten im Brotregister des Deutschen Brotinstituts ist Deutschland unangefochtener Weltmeister der Brotvielfalt. Diese Vielfalt ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrtausendealten Geschichte, regionaler Eigenheiten und einer tiefen Wertschätzung für das Bäckerhandwerk. Begleiten Sie mich auf eine kleine Reise durch die knusprige Seele Deutschlands.

Von kargen Böden und findigen Bäckern: Die Wurzeln der Vielfalt

Getreideähren

Warum gerade Deutschland? Ein Blick in die Geografie und Geschichte gibt Aufschluss. Anders als in südlicheren Ländern Europas war der Anbau von Weizen oft schwierig. Stattdessen gediehen Roggen, Dinkel und Gerste prächtig – Getreidesorten, die andere Backtechniken erfordern, insbesondere die Verwendung von Sauerteig bei Roggenbroten. Die Entdeckung des Sauerteigs selbst war wohl ein glücklicher Zufall im alten Ägypten um 1500 v. Chr., als ein vergessener Teig zu gären begann und ein leichteres Brot hervorbrachte. Diese Notwendigkeit wurde in Deutschland zur Tugend.

Deutschland um 1500
IEG-MAPS, Institut für Europäische Geschichte, Mainz / © A. Kunz, 2007
Kartograf: Joachim Robert Moeschl

Jede Region entwickelte über Jahrhunderte ihre eigenen Spezialitäten. Diese enorme Vielfalt entstand auch, weil das Land historisch aus vielen kleinen Königreichen und Fürstentümern bestand, in denen jede Region ihre eigenen Rezepte und Backtraditionen pflegte.

Pumpernickel

Im Norden entstanden kräftige, dunkle Brote wie das Pumpernickel aus Westfalen. Dessen Name soll übrigens auf einen französischen Offizier zurückgehen, der es spöttisch als „pain pour Nickel“ (Brot für sein Pferd Nickel) bezeichnete. Im Süden entwickelte sich eine Kultur hellerer Brote und unzähliger Brötchensorten.

Urgetreide: Ein Schatz aus der Vergangenheit

Landschaft mit Getreidefeldern

Die Basis dieser Vielfalt sind oft alte Getreidesorten, sogenanntes „Urgetreide“, das heute eine Renaissance erlebt. Sorten wie Einkorn (eine der ältesten Weizenarten, schon bei „Ötzi“ gefunden), Emmer (Zweikorn, seit über 10.000 Jahren angebaut), Dinkel (im Mittelalter weit verbreitet) und natürlich der robuste Roggen prägen den Geschmack und Charakter vieler traditioneller Brote. Hinzu kommen fast vergessene regionale Landsorten wie der Grells unterfränkischer Landweizen oder der hochwachsende Lungauer Tauernroggen, die von engagierten Bäckern wiederentdeckt werden.

Das Brot als Spiegel der Gesellschaft: Vom Kommissbrot zur Bio-Kruste

Brot war immer mehr als nur Nahrung. Das dunkle Roggenbrot war die Kost der Armen, das feine Weizenbrot ein Luxus der Reichen. Das sprichwörtliche „tägliche Brot“ war die Grundlage des Lebens. Nicht umsonst heißt es im Volksmund: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, was die Abhängigkeit vom Brotgeber verdeutlicht, oder man drohte „Jemandem den Brotkorb höher hängen“, um ihn kurzzuhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte zwar das billigere Industriebrot, doch heute erlebt das Handwerk eine Renaissance. Bio-Bäckereien, die auf alte Sorten und Sauerteig setzen, boomen. Das Bewusstsein für Qualität ist zurück.

Brot brechen, Kraftstoff gewinnen & Krümel im All: Symbolik und Moderne

Brot brechen, Brot darreichen. Brot steht in vielen Ländern im Zusammenhang mit Gastfreundschaft.

Die tiefere Bedeutung des Brotes zeigt sich in vielen Bräuchen. Neuankömmlinge mit Brot und Salz zu begrüßen, symbolisiert den Wunsch nach Frieden und Gemeinschaft. Das „Brot brechen“ selbst steht für Gastfreundschaft und Teilen.

Doch die Wertschätzung geht noch weiter: Einige Bäckereien nutzen altes Brot zur Energiegewinnung in Biogasanlagen – ein faszinierendes Beispiel für Nachhaltigkeit.

Bernd das Brot als Astrobrot auf der ISS. Aus einem Kika Video.

Und wer hätte gedacht, dass selbst die Krümel eine Lebensweisheit bergen („Wer nie sein Brot im Bette aß, weiß nicht, wie Krümel piken.“) oder sogar ein Problem im Weltraum darstellen können? Aus Krümelgründen ist Brot auf der ISS streng verboten, da die Schwebeteilchen Geräte verunreinigen oder in die Atemwege gelangen könnten!

Immaterielles Kulturerbe und das Brot des Jahres: Gelebte Tradition

Die Einzigartigkeit der deutschen Brotkultur wurde 2014 offiziell gewürdigt, als sie von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde. Um diese lebendige Tradition weiter zu fördern, kürt das Deutsche Brotinstitut (https://www.brotinstitut.de/) seit 2018 jährlich ein „Brot des Jahres“. Bisherige Titelträger waren unter anderem das Dinkel-Vollkornbrot (2018), das Bauernbrot (2019), das Roggen-Vollkornbrot (2020), das Dreikornbrot (2021), das Holzofenbrot (2022) und das Kürbiskernbrot (2023). Diese Initiative lenkt den Blick auf die handwerkliche Kunst und die regionalen Unterschiede.

Museum Brot und Kunst in Ulm

Wer sich noch tiefer mit dem Thema beschäftigen möchte, findet im Museum Brot und Kunst in Ulm (https://www.museumbrotundkunst.de/) eine beeindruckende Sammlung zur kulturgeschichtlichen Bedeutung des Brotes.

Fazit für den Reisenden

Blick in eine Bäckerei

Wenn Sie das nächste Mal durch Deutschland reisen, nehmen Sie sich Zeit für die Bäckereien. Fragen Sie nach den lokalen Spezialitäten. Probieren Sie ein Brot, dessen Namen Sie noch nie gehört haben. Denn in jedem Laib steckt ein Stück deutscher Geschichte, Kultur und Identität. Es ist eine der köstlichsten Arten, die Seele dieses Landes zu entdecken – Krume für Krume. Gutes Brot braucht Zeit, genau wie eine gute Reise. Und beides nährt nicht nur den Körper, sondern auch die Seele.


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