Eine Zeitreise ins Café Central: Wo Peter Altenberg …

Neulich saß ich in einem Café in Palma und suchte in meinem Archiv nach Fotos für die Österreich-Galerie der Plan & Go Website. Mein Blick fiel auf ein Bild von Wien, und plötzlich war ich gedanklich nicht mehr auf Mallorca, sondern wieder dort, im Herzen einer Legende: dem Café Central.
Es gibt Orte, die sind mehr als nur Wände, Tische und Stühle. Sie sind lebendige Archive, Bühnen für die Geschichte. Die beeindruckende Säulenhalle erinnert noch heute daran, dass hier einst das Herz der Österreichisch-Ungarischen Bank schlug, bevor die Poeten die Kassensäle übernahmen. Das Café Central ist so ein Ort. Aber was passiert, wenn der Geist der Zeit den Geist des Ortes herausfordert?
Der Geist des Café Central: Peter Altenberg, der bohemische Lebenskünstler

Wer das Café Central betritt, wird von ihm begrüßt: Peter Altenberg, als Figur verewigt an seinem Stammplatz gleich links vom Eingang. Zeitgenossen sagten über ihn: „Wenn Altenberg nicht im Café Central ist, ist er auf dem Weg dorthin.“
Er war kein Schutzpatron, sondern der poetische Hausgeist, die Seele des Ortes. Ein Mann, der die Freiheit mehr liebte als das Geld, der chronisch knapp bei Kasse und auf die Großzügigkeit seiner Freunde angewiesen war. Er ließ sich seine Post hierher schicken, denn das Café war sein wahres Zuhause. Eine berühmte Anekdote besagt, er sei selbst im Winter in Sandalen ohne Socken umhergelaufen, weil seine Füße „atmen“ mussten – ein Symbol für seinen unkonventionellen, freien Geist. Dass er am Ende an einer Lungenentzündung starb, wirkt wie eine tragische Ironie des Schicksals.
Sein Freund Franz Kafka nannte ihn ein „Genie der Nichtigkeiten“, einen Idealisten, „der die Schönheiten der Welt wie Zigarettenstummel in den Aschenbechern der Kaffeehäuser findet.“ Genau das war seine Kunst: Er suchte das Ideale nicht im Vollkommenen, sondern fand es im Alltäglichen.
Er selbst sah das so:

Welten-Seele
Pflanze und Genie besitzen die Erdkraft, von überall, aus der zufälligen Umgebung, die für sie dienlichen Nährsalze zu ziehen – –
Die Mittelglieder »Tier« und »Mensch« jedoch sind angewiesen, einer bestimmten Nahrung mühselig nachzuspürschen – – –.
Das nennen sie dann »ihren Idealen nachjagen«!?
– Peter Altenberg
Das Internet von 1907
Vor über 100 Jahren war dieses Kaffeehaus das, was für uns heute das Internet ist. Wie mir ein älterer Kellner bei meinem letzten Besuch erzählte, lagen hier täglich über 250 Tageszeitungen, in 22 Sprachen, aus aller Welt aus. Die Wiener kamen nicht nur um einen Kaffee zu trinken oder dazu Gebäck zu essen, sondern auch um zu lesen, zu debattieren, zu denken. Trotzki, Freud, Loos, von Hoffmannsthal – sie alle waren hier. Das Central war ein intellektueller Schmelztiegel, das Epizentrum des mitteleuropäischen Geistes, befeuert von Koffein und Gedankenaustausch.

Ein kleiner Kaffee-Knigge
Wer hierherkommt, bestellt nicht einfach nur „einen Kaffee“. Man bestellt eine Kultur. Die wichtigsten Spielarten, die man kennen sollte:
- Melange: Der Wiener Klassiker. Ein Mokka (starker, schwarzer Kaffee) mit heißer Milch und einer Milchschaumhaube, oft im Glas serviert.
- Kleiner Brauner: Ein Mokka mit einem Schuss Kaffeeobers (Kaffeesahne) in einer kleinen Tasse.
- Verlängerter: Ein Mokka, der mit der doppelten Menge heißen Wassers „verlängert“ wird. Quasi der Wiener „Americano“.
- Einspänner: Ein Mokka im Glas mit einer großen Schlagobershaube (Schlagsahne).
Der Wandel: Ein Gespräch mit dem Kellner
“Und heute?“, fragte ich den älteren Kellner. Er lächelte wehmütig. „Heute wird das Café von einem großen Tourismuskonzern verwaltet“, erzählte er leise. „Die Zeitungen? Die haben wir immer noch, aber nur noch eine Handvoll. Sie liegen jetzt da hinten in der Ecke, wo sie niemand sieht.“ Er deutete in einen kaum beleuchteten Bereich. „Man möchte nicht mehr, dass die Leute stundenlang sitzen und lesen. Die Zeit ist eine andere.“
Er hat recht. Die Zeit ist eine andere. Heute kann man online ein Zeitfenster buchen, um die Warteschlange vor der Tür zu umgehen – ein unschätzbarer Tipp für jeden, der seine kostbare Zeit in Wien nicht mit Warten verbringen will. Effizienz hat Einzug gehalten, wo einst die Muße regierte.
Fazit des Kurators
Das Café Central ist immer noch ein magischer Ort. Aber seine Seele hat sich gewandelt. Es ist der Beweis, dass der „Luxus des Echten“ oft nicht im Offensichtlichen liegt, sondern in den Geschichten dahinter…
Lese-Empfehlung des Kurators:
Wer tiefer in die verspielt-melancholische Welt von Peter Altenberg eintauchen möchte, dem empfehle ich den Band „Das macht nichts: Neues Altes aus dem Kaffeehaus“. Es ist die perfekte Lektüre, um bei einer Wiener Melange den wahren Geist des alten Kaffeehauses zu spüren.
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