Magdeburger Architektur: Zwischen Verlust und Möglichkeit
Eine Stadt der Brüche und Neuanfänge


Als ich zum ersten Mal für Dreharbeiten nach Magdeburg kam, war mein Blick der eines typischen Westdeutschen: distanziert, vielleicht sogar ein wenig herablassend. Die grauen Plattenbauten, die leerstehenden Ladenlokale am Breiten Weg und die merkwürdigen Lücken im Stadtgefüge schienen die Klischees vom „trostlosen Osten“ zu bestätigen.
Doch was als kurze berufliche Episode beim „Polizeiruf 110“ begann, entwickelte sich über die Jahre zu einer tiefen Verbundenheit mit dieser unterschätzten Stadt.
Foto: Drei Baustile, eine Brandwand, eine Brachfläche. Für ein paar Wochen wird sie zur
Basis eines Filmteams.
Magdeburg, das ist keine Schönheit auf den ersten Blick. Sie gibt ihre Geheimnisse nur langsam preis, in langen Spaziergängen durch Viertel abseits der Touristenpfade, in Gesprächen mit Menschen, die hier verwurzelt sind, und im geduldigen Entdecken ihrer architektonischen Schichten. Die Stadt hat mich gelehrt, genauer hinzusehen – hinter die offensichtlichen Fassaden, in die stillen Hinterhöfe, auf die urbanen Brachen.
Was andernorts als Mangel erscheint – die Leere, die Brüche, die Improvisation – entpuppt sich in Magdeburg als eigentümliche Qualität. Es ist eine Stadt, die sich ihrer Wunden bewusst ist und gerade deshalb besondere Möglichkeitsräume bietet. Folgen Sie mir auf eine Reise durch ein Magdeburg, das in keinem Reiseführer steht – eine Stadt zwischen traumatischem Verlust und kreativer Möglichkeit.
Die doppelte Zerstörung: Ein Trauma in Stein gemeißelt
Kaum eine deutsche Stadt musste so viele tiefgreifende Zäsuren verkraften wie Magdeburg. Während meiner Recherchen für eine „Polizeiruf 110“-Folge, stieß ich zufällig auf die erschütternden Dimensionen der Zerstörungsgeschichte.
„Wir leben eigentlich in einer erfundenen Stadt“, erzählte mir einmal Herr Kleinschmidt, ein pensionierter Stadtarchivar, während wir durch die Jakobstraße schlenderten. „Das Original wurde zweimal ausradiert – erst 1631, dann 1945.“

Sack of Magdeburg 1631, Daniel Manasser (–1637)

Plünderung von Magdeburg 1631, Kaiserliche Truppen erobern April 1631 die Zollredoute und Vororte, Matthäus Merian (1593-1650)

Magdeburg vor 1945, Unbekannter Fotograf

Ruinen am Breiten Weg in Magdeburg 1945, Unbekannter Fotograf
Die erste Katastrophe – die Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg – klingt für moderne Ohren abstrakt. Doch das „Magdeburger Hochzeitskleid“, wie die brennende Stadt damals zynisch genannt wurde, hatte europäische Dimensionen. Fast 20.000 Menschen starben binnen weniger Stunden, als kaiserliche Truppen unter Tilly die protestantische Hochburg stürmten.
Noch bedrückender erscheint mir jedoch die zweite Zerstörung, die ich durch die Erzählungen älterer Magdeburger kennenlernen durfte, die ich bei der Location-Suche nach einem Altersheim sprach. Der britische Luftangriff vom 16. Januar 1945 legte binnen 39 Minuten das Herz der Stadt in Schutt und Asche. 90% der Altstadt versanken in einem Flammenmeer.
„Meine Mutter hat mir erzählt, wie sie wochenlang durch die Ruinen geirrt ist und nichts mehr wiedererkennen konnte“, berichtete mir eine ältere Dame, gebürtig aus Alte Neustadt. „Die Orientierungspunkte waren verschwunden, die vertrauten Ecken, die Läden, alles weg. Wie in einer fremden Stadt.“

Was mich besonders berührt: Anders als in Dresden oder Nürnberg wurde hier nach dem Krieg kaum etwas rekonstruiert. Die DDR-Städtebauer nutzten die Tabula rasa für einen radikalen Neuanfang. Der breite, sozialistische Boulevard „Ernst-Reuter-Allee“ ersetzte die gewachsene Struktur der Altstadt, die verwinkelten Gassen wichen funktionalen Blöcken und weiten Plätzen.
Diese mehrfache Auslöschung spürt man bis heute im Stadtgrundriss. Wer aufmerksam durch Magdeburg geht, erkennt die Narben: Unvermittelte Stilbrüche, merkwürdig dimensionierte Plätze, abrupt endende Straßenzüge. Es sind urbane Phantomschmerzen, die selbst nach Jahrzehnten nicht verheilen.
Geographie der Leere: Räume des Möglichen
Als Location-Scout bin ich sensibel für Räume und ihre Atmosphäre. Was mich in Magdeburg von Anfang an faszinierte, waren die Leerstellen – jene Orte, die auf ihre Bestimmung zu warten scheinen.
„In westdeutschen Städten ist jeder Quadratzentimeter verplant, bebaut, kommerzialisiert“, erklärte ich einmal einem Kölner Kameramann, als wir für Außenaufnahmen mit der 2nd Unit durch das Industriegebiet Buckau streiften. „Hier gibt es noch Raum zum Atmen, zum Denken – Raum für Möglichkeiten.“
Diese Leere hat viele Gesichter. Da sind die offensichtlichen Brachflächen zwischen Plattenbauten in Neu Olvenstedt, wo einst weitere Wohnblöcke entstehen sollten. Die Bevölkerungsprognosen der DDR-Planer erwiesen sich nach der Wende als illusorisch – statt Wachstum kam der Exodus. Zwischen 1990 und 2010 verlor die Stadt fast ein Viertel ihrer Einwohner.

Dann die verlassenen Industriekomplexe in Salbke und am Handelshafen. Während meiner langen Aufenthalte entwickelte ich eine besondere Vorliebe für diese rostigen Kathedralen der Arbeit. Die SKET-Werke, einst stolzer „VEB Schwermaschinenbau“, sind heute ein Labyrinth aus leerstehenden Hallen, überwucherten Gleisanlagen und vergessenen Maschinenteilen.
„Hier haben mal 16.000 Menschen gearbeitet“, erzählte mir Herr Kunze, ein ehemaliger Schlosser, während einer improvisierten Führung durch das Gelände. „Von einem Tag auf den anderen war alles vorbei. Wie ausgestorben.“ Seine Worte hallten in der leeren Werkshalle nach – ein akustisches Sinnbild für die Leere, die nicht nur räumlich, sondern auch sozial und emotional ist.
Bemerkenswert finde ich auch die „perforierten“ Gründerzeitviertel wie Sudenburg. Anders als in Leipzig oder Dresden, wo ähnliche Viertel mittlerweile komplett saniert und gentrifiziert sind, gibt es hier noch jene typische ostdeutsche Mischung aus liebevoll restaurierten Häusern, verfallenen Ruinen und leeren Grundstücken.

Der Stadtforscher Philipp Oswalt prägte dafür den Begriff der „perforierten Stadt“ – ein urbanes Gewebe, das löchrig geworden ist. Was zunächst als Defizit erscheint, entwickelt einen eigentümlichen Reiz. Die Lücken lassen Licht ins Stadtgefüge, schaffen unerwartete Durchblicke und Freiräume.
Nach mehreren Monaten in Magdeburg begann ich, diese Leere anders zu sehen – nicht als Mangel, sondern als Luxus der Möglichkeiten. In einer durchökonomisierten Welt sind solche unbestimmten Räume selten geworden. Hier atmet die Stadt. Hier kann etwas Neues entstehen.
Kreative Wiederaneignung: Die Stadt als Experimentierfeld
Was tun mit all der Leere? Diese Frage treibt Magdeburgs Stadtplaner seit der Wende um. Doch während die offiziellen Konzepte oft zwischen Abriss und Neubau schwankten, entwickelte sich von unten eine bemerkenswerte Kultur der kreativen Aneignung.
Als ich mich für eine längere Drehphase oft in Buckau aufhielt, lernte ich Lena kennen – eine junge Künstlerin, die mit Freunden eine alte Lagerhalle am Elbufer in ein improvisiertes Kulturzentrum verwandelt hatte.
„Wir haben den Besitzer einfach gefragt, ob wir den Raum nutzen können“, erzählte sie mir bei einem selbstgebrauten Bier auf der Dachterrasse ihres Projekts. „Er war froh, dass jemand das Gebäude belebt und die Grundsteuer übernimmt. In München oder Hamburg wäre sowas undenkbar.“
Diese pragmatische Herangehensweise begegnete mir immer wieder. Im ehemaligen Industriegebiet Salbke betreibt ein Kollektiv die „Kunstkantine“ in der früheren Werksküche des VEB Schwermaschinenbau. In einem leerstehendem Ladenlokal am nördlichen Breiten Weg organisieren Studierende wechselnde Pop-up-Ausstellungen. Und in den weitläufigen Kellern unter dem Domplatz finden experimentelle Theateraufführungen statt.

Besonders beeindruckt hat mich das Projekt „Interkultureller Garten“ in Neue Neustadt. Dort, wo einst ein Plattenbau stand, haben Anwohner einen blühenden Gemeinschaftsgarten angelegt. „Der Abriss war erst ein Schock“, erinnerte sich Frau Schmidt, eine rüstige Rentnerin mit Gartenschere in der Hand. „Aber dann haben wir beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen. Jetzt kennen sich die Nachbarn endlich, und wir haben im Sommer frisches Gemüse.“
Diese Projekte folgen keinem Masterplan, sie entstehen spontan, oft temporär, immer aus einer Mischung aus Not und Kreativität. Sie repräsentieren eine Urbanität, die nicht von oben verordnet, sondern von unten gelebt wird. Nach einigen Monaten in der Stadt begann ich zu verstehen: Die vermeintliche Schwäche Magdeburgs – die vielen ungenutzten Räume – wird hier zu einer Stärke umgedeutet.
Während meiner Recherchen für eine Folge über urbane Subkulturen stieß ich auf den Begriff „Cheap Space“ – günstiger Raum als wichtigste Ressource für kulturelle Innovation. In den teuren Metropolen fehlt genau das. In Magdeburg gibt es Raum im Überfluss. Ein Luxus, den viele Einheimische erst zu schätzen lernen, wenn Außenstehende wie ich darauf hinweisen.
Zwischen Platte und Hundertwasser: Architektonische Kontraste
Die architektonische Identität Magdeburgs ist geprägt von scharfen Kontrasten. Während meiner zahlreichen Drehs, die uns quer durch die Stadt führten, wurde ich immer wieder mit diesen unvermittelten Übergängen konfrontiert.
Da ist zunächst der Dom – eine gotische Kathedrale von europäischem Rang, die wie durch ein Wunder beide Zerstörungen überstand. Drumherum jedoch: Ein Sammelsurium aus sozialistischer Moderne, postmoderner Beliebigkeit und vereinzelten Rekonstruktionen.



„Die Stadt ist wie ein Flickenteppich“, erklärte mir ein Professor von der Hochschule Magdeburg-Stendal bei einem Kaffee gegenüber der „Grünen Zitadelle“. „Es gibt keine einheitliche Handschrift, keinen durchgehenden Stil. Jede Epoche hat ihre Spuren hinterlassen, ohne Rücksicht auf das Vorherige.“
Diese Hundertwasser-Architektur – ein knallrosa Fantasiegebäude mit schiefen Wänden und goldenen Zwiebeltürmen – ist vielleicht das symbolträchtigste Beispiel für Magdeburgs widersprüchliche Baukultur. Direkt neben dem strengen gotischen Dom und sozialistischen Wohnblöcken steht dieses verspielt-bunte Statement – wie ein trotziges „Dennoch“ gegen die nüchterne Sachlichkeit, die sonst in der Stadt vorherrscht.

Meine persönliche Entdeckung waren jedoch die unterschätzten Qualitäten der DDR-Architektur. Als Westdeutscher neigte ich anfangs dazu, die Plattenbauten pauschal abzuwerten. Doch je länger ich in Magdeburg arbeitete, desto mehr begann ich, die klaren Linien der sozialistischen Moderne zu schätzen. Der Universitätsplatz mit seinem elegant geschwungenen Hörsaalgebäude, die durchdachten Freiflächen zwischen den Wohnblöcken in Reform, die kühne Konstruktion der Stadthalle. Sie wird 2027 nach langer Sanierung, 100 Jahre nach ihrer Erbauung, wieder eröffnet.
„Man muss das im historischen Kontext sehen“, erläuterte mir eine ältere Architektin, die ich, bei der Suche nach einem Architekturbüro als Drehort, kennenlernte. „Nach der totalen Zerstörung ging es darum, schnell und funktional zu bauen. Aber es gab durchaus Architekten, die innerhalb dieser Zwänge Qualität schaffen wollten.“

Diese Qualitäten werden langsam wiederentdeckt. Während meiner Zeit in Magdeburg erlebte ich, wie die ‚Hyparschale‘ – eine architektonisch bemerkenswerte Mehrzweckhalle mit ihrer charakteristischen Schalenkonstruktion aus den 1960er Jahren im Stadtpark – nach langen Debatten doch noch vor dem Abriss bewahrt und behutsam saniert wurde. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt zur Wertschätzung der jüngeren Baugeschichte.
Was mich als Location-Scout besonders fasziniert: Diese architektonischen Brüche erzeugen starke visuelle Kontraste. Der Blick vom mittelalterlichen Kloster Unser Lieben Frauen auf die sozialistische Magistrale. Die Spiegelung des barocken Rathauses in der Glasfassade des Allee-Centers. Die verwitterten Backsteinfabriken in Buckau neben gläsernen Start-up-Zentren. Diese Spannungen machen die Stadt zu einem visuellen Abenteuer – für mich als Location-Scout ein gefundenes Fressen.
Pioniere der Improvisation: Menschen machen Stadt
In all den Jahren, die ich immer wieder für längere Zeit in Magdeburg verbrachte, waren es vor allem die Menschen, die mir neue Perspektiven auf die Stadt eröffneten. Jenseits der offiziellen Stadtentwicklungspläne sind es oft einzelne Persönlichkeiten und kleine Gruppen, die mit viel Improvisationstalent und wenig Mitteln urbane Räume beleben.
Besonders beeindruckt hat mich Martin, ein ehemaliger Ingenieur, der im Keller eines leerstehenden Plattenbaus in Neu Olvenstedt eine Fahrradwerkstatt für Kinder betreibt. „Die Kinder hier haben wenig Perspektiven“, erklärte er mir, während er einem Jungen half, einen platten Reifen zu flicken. „Aber sie haben Talente. Hier lernen sie, mit ihren Händen etwas zu erschaffen, zu reparieren statt wegzuwerfen.“
Diese Kultur des Improvisierens, des Reparierens und Umnutzens scheint mir typisch für Magdeburg. Sie entspringt nicht unbedingt einer ideologischen Überzeugung, sondern pragmatischer Notwendigkeit – eine Tugend, die aus der DDR-Zeit in die Gegenwart hinübergerettet wurde.

Im Wissenschaftshafen, einem ehemaligen Industriegebiet am Elbufer, traf ich auf eine Gruppe junger Architektinnen, die in einem rostigen Container ihr Büro eingerichtet haben. „Wir könnten uns kein schickes Büro in der Innenstadt leisten“, erzählte mir Claudia, während sie mir ihre Pläne für die Umgestaltung einer Brachfläche in Stadtfeld zeigte. „Aber hier haben wir Raum zum Denken und Experimentieren. Und wir sind mittendrin in dem Gebiet, das wir gestalten wollen.“
Diese Nähe zum Gegenstand, dieses Arbeiten ohne Distanz und ohne die üblichen Vermittlungsebenen der Stadtplanung, beeindruckt mich. In Westdeutschland würden solche Prozesse durch endlose Genehmigungsverfahren, Bürgerbeteiligungsrunden und Gutachten gebremst. Hier in Magdeburg gibt es oft eine erfrischende Direktheit.
Ein Paradebeispiel ist die jährlich stattfindende „Kulturnacht“ in Magdeburg. Zur 12. Kulturnacht in 2025 präsentierte sich Buckau in all seinen Facetten.
Von der Website der Kulturnacht ein Beispiel dafür, wie breit die Initiative aufgestellt ist:
„Die Magdeburger Kulturnacht wird von einem breiten Bündnis Magdeburger Kulturschaffender und Magdeburger Künstler:innen unter dem Dach des „Kulturschutzbundes Magdeburg“ getragen und gemeinsam vom ARTist! e.V., Forum Gestaltung e.V., KulturSzeneMagdeburg e.V., Literaturhaus Magdeburg e.V., Fraueninitiative Magdeburg e.V., Podium Aller Kleinen Künste e.V., Aktion Musik e.V. und dem Kulturbüro der Landeshauptstadt Magdeburg in Zusammenarbeit mit allen beteiligten Einrichtungen und Künstler:innen veranstaltet.“

Improvisationskultur hat Magdeburg vielfach geprägt. Sie kompensiert den Mangel an Ressourcen, an Investitionen, manchmal auch an offizieller Unterstützung. Nach einigen Jahren in der Stadt begann ich zu verstehen: Was von außen betrachtet als Defizit erscheint, hat eine kreative Selbstorganisation hervorgebracht, die in westdeutschen Städten mit ihren durchregulierten Prozessen kaum möglich wäre. Auf dem Foto die neue Häuserzeile am Breiter Weg. Für mich ein Beispiel von gestalteter Improvisation einer gewachsenen Straßenszene.
Neue Blicke auf vergessene Räume: Eine Stadt entdeckt sich neu
In meinen letzten Jahren in Magdeburg beobachtete ich eine bemerkenswerte Entwicklung: Die Stadt begann, ihre vermeintlichen Schwächen neu zu bewerten. Was lange als Mangel galt – die Leerstellen, die Brüche, die unfertigen Räume – wurde zunehmend als Qualität erkannt.
Wie eine ganz neue Initiative aussehen könnte, die Historisches mit neuester Technologie verbindet?

Das entwerfe ich hier, als Kurator, nicht nur des Echten, auch des Fantastischen ( „A.U.M.„) und des Visionären.
Mit einer App, nennen wir sie „Magdeburg Layers“, stelle ich mir eine Anwendung vor, die an verschiedenen Orten der Stadt die historischen Schichten sichtbar macht. Durch Augmented Reality werden verschwundene Gebäude, frühere Straßenzüge und historische Ereignisse über das aktuelle Stadtbild geblendet.
Damit würde die oft noch vorhandene Leere eine Geschichte erhalten. Denn sie ist nicht einfach nur ein Defizit, sondern ein Raum voller Erinnerungen, Möglichkeiten und unerzählter Geschichten. Was würde sich hinter der neuen Häuserzeile auf dem Foto oben hervortun?
Noch ist es nur eine Idee. Wer greift sie auf? Wer verwirklicht sie?
Eine Neubewertung des Vorhandenen wird zur „Stadt der kurzen Wege“
Eine Neubewertung des Vorhandenen findet auch in der offiziellen Stadtplanung statt. Statt weiter auf große Investoren und prestigeträchtige Neubauprojekte zu setzen, entstehen mittlerweile kleinere, behutsame Interventionen. Die „Stadt der kurzen Wege“ ist das neue Leitbild – eine kompaktere Stadt, die Leerstände gezielt aktiviert, statt immer neue Flächen zu erschließen.

Besonders beeindruckt hat mich eine der alternativen Stadtführungen, die in den letzten Jahren entstanden sind und gerade jene Orte in den Fokus rücken, die sonst übersehen werden.Bei einer dieser Touren entdeckte ich die vergessenen Gewölbe unter dem Breiten Weg, Relikte der mittelalterlichen Stadt, die wie durch ein Wunder die Bombenangriffe überstanden haben.
„Diese unterirdischen Räume sind wie das Unterbewusstsein der Stadt“, erklärte uns der Führer, ein passionierter Hobbyhistoriker. „Sie bewahren Erinnerungen, die an der Oberfläche längst verschwunden sind.“
Für jeden zugänglich ist der Gewölbekeller in der Phönix Cocktailbar, Breiter Weg 202. Mit einem Reisekonzept von Plan & Go Reisedesign besichtigen Sie jederzeit auch nicht öffentlich zugänglichen Gewölbe, wie auch andere versteckte Perlen und aufregende Orte in Magdeburg.

Durch meine Arbeit als Location-Scout und Motiv-Aufnahmeleiter wurde ich selbst Teil dieser Neuentdeckung. Für den „Polizeiruf 110“ suchte ich bewusst nach ungewöhnlichen Drehorten, nach jenen vergessenen Ecken, die im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent sind: die verfallenen Speicher am Handelshafen, die stillgelegten Industrieanlagen in Rothensee, die überwucherten Bunkerreste im Stadtpark.
Mit jedem Dreh trugen wir dazu bei, diese Orte sichtbar zu machen, sie aus ihrem Schattendasein zu holen. Nach der Ausstrahlung einer Folge, die zum Teil in einer leerstehenden Brauerei in Sudenburg spielte, berichteten mir lokale Freunde stolz, dass plötzlich Besucher das Gelände erkundeten – Menschen, die ihre eigene Stadt neu entdeckten.
Diese neue Aufmerksamkeit für das Übersehene scheint mir symptomatisch für einen breiteren Bewusstseinswandel. Magdeburg definiert sich nicht mehr primär durch das, was fehlt, sondern durch das, was da ist – mit allen Brüchen und Unvollkommenheiten. Eine Stadt, die ihre Narben nicht mehr versteckt, sondern sie als Teil ihrer Identität begreift.
Magdeburg im Wandel: Zwischen Aufbruch und Bewahrung
Nach all den Jahren, die ich in Magdeburg verbrachte, wage ich ein vorläufiges Fazit: Die Stadt steht an einem Wendepunkt. Die langen Phasen des Verlusts und der Schrumpfung scheinen vorerst gestoppt. Neue Bewohner ziehen zu, innovative Unternehmen siedeln sich an, die Universität wächst. Doch dieser Aufschwung birgt auch Risiken.
In meinen Gesprächen mit alteingesessenen Magdeburgern spüre ich manchmal eine Ambivalenz gegenüber dem Wandel. „Natürlich freuen wir uns, dass die Stadt nicht mehr nur als Verliererin gilt“, sagte mir Herr Schröder, ein pensionierter Lehrer aus Stadtfeld. „Aber wir wollen auch nicht, dass Magdeburg seinen besonderen Charakter verliert – diese Mischung aus Rauheit und Herzlichkeit, aus Improvisationstalent und Bodenständigkeit.“

Diese Sorge ist nicht unbegründet. In Vierteln wie Buckau, wo ich lange wohnte, zeigen sich bereits erste Anzeichen einer Gentrifizierung. Die alternativen Kulturprojekte und improvisierten Werkstätten, die ich so schätzen gelernt habe, könnten unter dem Druck steigender Mieten verschwinden. Die kreativen Möglichkeitsräume, die durch Leerstände entstanden sind, drohen einer durchkommerzialisierten Stadtentwicklung zum Opfer zu fallen.
Andererseits: Die Stadt braucht Impulse, braucht neue Bewohner, braucht wirtschaftliche Dynamik. Der Spagat zwischen Bewahrung des Eigensinns und notwendiger Erneuerung wird Magdeburg in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen.
Was mich hoffnungsvoll stimmt: Es gibt eine wachsende Sensibilität für die spezifischen Qualitäten der Stadt – jene „Magdeburger Mischung“ aus historischen Fragmenten, sozialistischer Moderne und improvisierten Zwischennutzungen. Die Initiative „MagdeBurgGestalten“, die ich bei meinem letzten Aufenthalt kennenlernen durfte, setzt sich beispielsweise für eine partizipative Stadtentwicklung ein, die Anwohner aktiv einbezieht und vorhandene Strukturen behutsam weiterentwickelt statt sie zu ersetzen.
„Wir wollen keine zweite Kopie von Leipzig werden“, erklärte mir Jana, eine der Initiatorinnen. „Magdeburg hat seinen eigenen Weg, seine eigene Geschichte, seinen eigenen Rhythmus. Diese Eigenart müssen wir bewahren, während wir die Stadt fit für die Zukunft machen.“
Dieser Gedanke berührt mich als „Zugereister“, der über die Jahre eine tiefe Verbindung zu dieser Stadt entwickelt hat. Magdeburg ist kein unbeschriebenes Blatt, auf dem man beliebig Stadtentwicklungsphantasien verwirklichen kann. Es ist eine Stadt mit Charakter – manchmal spröde und abweisend, dann wieder überraschend warmherzig und kreativ.
Die Herausforderung wird sein, den notwendigen Wandel so zu gestalten, dass er die DNA der Stadt nicht zerstört, sondern auf ihr aufbaut. Die architektonischen Brüche nicht zu glätten, sondern als Qualität zu begreifen. Die kreativen Freiräume nicht zu opfern, sondern zu kultivieren.
Fazit: Eine Stadt, die aus ihren Wunden Möglichkeiten schafft

Wenn ich heute durch Magdeburg streife, zwischen Drehs oder in den ruhigen Abendstunden, sehe ich die Stadt mit anderen Augen als bei meiner Ankunft vor Jahren. Was mir damals als Mangel erschien – die Lücken im Stadtgefüge, die architektonischen Brüche, die improvisierten Nutzungen – erkenne ich nun als besondere Qualität.
Magdeburg hat mich gelehrt, dass urbane Schönheit nicht nur in perfekt sanierten Altstädten oder glitzernden Neubauvierteln zu finden ist. Sie zeigt sich auch in den Zwischenräumen, in den unvollendeten Projekten, in den kreativen Aneignungen des Vorhandenen.
Die Stadt steht für mich symbolisch für eine Erkenntnis: Aus Verlusten können neue Möglichkeiten entstehen. Die Leere, die die Zerstörungen und der Bevölkerungsrückgang hinterlassen haben, bietet Raum für Experimente, für unerwartete Begegnungen, für eine Urbanität, die nicht vom Reißbrett kommt, sondern aus dem Leben selbst.
Diese Erfahrungen haben auch die Filmteams im Laufe der Jahre gemacht. Die „Polizeiruf 110“-Folgen, die in Magdeburg entstanden, haben eine andere visuelle Sprache entwickelt – rauer, kontrastreicher, offener für die Zwischentöne. Die Stadt wurde nicht nur zur Kulisse, sondern zum Charakter mit eigener Persönlichkeit.
Was ich aus meinen Jahren in Magdeburg mitnehme, ist eine tiefe Wertschätzung für das Unfertige, das Improvisierte, das Widersprüchliche. In einer Welt, die zunehmend nach Perfektion, Effizienz und glatter Oberfläche strebt, bietet diese Stadt eine wichtige Gegenerfahrung: Schönheit kann auch in den Brüchen liegen, in den Narben, in der kreativen Aneignung des Vorhandenen.
Magdeburg lehrt uns, genauer hinzusehen, unter die Oberfläche zu blicken, das vermeintlich Hässliche oder Unvollkommene neu zu bewerten. Es ist eine Stadt, die aus ihren Wunden Möglichkeiten geschaffen hat – eine Lektion in urbaner Resilienz, die weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts Beachtung verdient.
Wenn ich nun, nach Abschluss von Dreharbeiten, nach Berlin zurückkehre, nehme ich ein Stück Magdeburg mit – jene besondere Mischung aus Geschichtsbewusstsein und Zukunftsoffenheit, aus Improvisationstalent und Beharrlichkeit. Eine Stadt, die mich gelehrt hat, dass Architektur mehr ist als Steine und Mörtel – sie ist gebaute Erinnerung, gelebter Alltag und Raum der Möglichkeiten zugleich.
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