Die Nacht der Seelen: Eine Rembetiko Odyssee durch Piräus

Die Nacht der Seelen:
Eine Rembetiko Odyssee durch Piräus

PROLOG ~ ΠΡΟΛΟΓΟΣ

Manche Nächte gehören keiner Zeit. Sie lassen sich nicht festhalten, nicht beweisen, nicht wiederholen. Vielleicht habe ich mir Teile dieser Nacht nur zusammengesetzt – aus Musik, Müdigkeit, Alkohol und Sehnsucht.

Ich trat aus einem Kino in die frische Novembernacht und wusste nicht mehr, was Realität war: Mein jetziges Leben? Oder gab es ein anderes, ein wirkliches Leben davor?

Ich habe Rembetiko gehört, lange bevor ich ihn verstanden habe …

Piräus ~ 30. Dezember
Rembetiko: Altstadt Gasse bei Nacht mit Vollmond

Der 30. Dezember hüllte Piräus (Πειραιώς) in einen Mantel aus bläulichem Zwielicht, als Alexandros seinen abgetragenen Mantel enger zog. Die salzige Meeresluft kroch unter seine Kleidung, während er die steilen Gassen des alten Hafenviertels hinaufstieg.

Die Straßen hier waren noch unberührt vom Glanz der Modernisierung, die andere Teile Athens für die kommenden Olympischen Spiele bereits verwandelt hatte. Hier, in den verwinkelten Gassen von Piräus, schien die Zeit stehen geblieben zu sein.

Diese Nacht wurde mein erster persönlicher Zugang zu Griechenland – nicht zu dem der Postkarten, sondern zu dem, das nachts singt.

„Eine Nacht noch,“ murmelte er zu sich selbst, „eine Nacht, um das alte Jahr zu verabschieden, bevor ich zurück nach Deutschland muss.“

Er hatte von einem alten griechischen Musikfreund in Essen gehört, dass man die wahre Seele der griechischen Musik nur hier finden könne – auf der ungeschriebenen „Dromos tou Rembetikou“ (Δρόμος του Ρεμπέτικου“), der Straße des Rembetiko (Ρεμπέτικου), die nur Eingeweihte kannten.

Piräus ~ Am Hafen
Votivtafeln

Die erste Taverne war kaum mehr als ein Loch in der Wand. „To Limani“ (το Λιμάνι) stand in verblassten Buchstaben über dem Eingang. Drinnen drängten sich vielleicht zwanzig Menschen in einem Raum, der für zehn gedacht war. In der Ecke saß ein alter Mann mit einer Bouzouki (Μπουζούκι), seine Finger bewegten sich wie von selbst über die Saiten.

„Tsipouro!“ (Τσίπουρο) rief Alexandros dem Wirt zu, und bald stand ein Glas der klaren Flüssigkeit vor ihm.

Der Bouzouki-Spieler nickte ihm zu, als hätte er auf ihn gewartet. Seine Augen waren milchig, möglicherweise blind, aber seine Finger fanden jede Note mit unheimlicher Präzision.

„Frangosyriani, “ (Φραγκοσυριανή) flüsterte eine alte Frau neben Alexandros. „Das Lied des Markos Vamvakaris (Μάρκος Βαμβακάρης). Er hat es für eine Frau geschrieben, die er nie bekommen hat.“

„Wusstest du, dass Vamvakaris jeden seiner über zweihundert Songs in einem Zustand der Verliebtheit geschrieben haben soll?“ fügte die Frau mit einem verschmitzten Lächeln hinzu. „Manchmal für verschiedene Frauen gleichzeitig. Die Liebe war sein Treibstoff.“

Als der Musiker zu einem neuen Stück ansetzte, bemerkte Alexandros etwas Seltsames an seiner Bouzouki – ein kleines blaues Amulett war in das Holz eingearbeitet.

„Gegen den bösen Blick,“ erklärte ihm die Frau, als sie seinen Blick bemerkte. „Fast alle alten Rembetes haben solche Talismane in ihren Instrumenten. Die Musik ist kraftvoll, sie zieht Neid an.“

Der Rhythmus griff nach Alexandros‘ Herz, ein seltsames Gefühl der Schwermut und gleichzeitig der Lebensfreude durchströmte ihn. Drei Gläser Tsipouro später stand er mit den anderen im Kreis, die Arme auf den Schultern der Nebenmänner, und sang Worte, die er nicht verstand, aber irgendwie fühlte.

Rembetiko: Mann tanzt den Zeibekiko
Irgendwo im Labyrinth ~ Später
Rembetiko: Altstadt Gasse bei Nacht

Mitternacht war längst vorbei, als ihn ein junger Mann mit wilder Lockenmähne ansprach.

„Du bist kein Grieche,“ sagte er auf Englisch mit schwerem Akzent.
„Deutscher,“ antwortete Alexandros.
„Perfekt! Dann musst du mitkommen. Es gibt einen Ort, den Touristen nie sehen.“

Sie schlängelten sich durch enge Gassen, die nach Fisch und Salz rochen. Yiannis, wie sich der junge Mann vorstellte, erklärte im Gehen: „Was du heute Abend hören wirst, hat eine geheime Sprache – Kaliarda. Die alten Rembetes entwickelten sie, um über verbotene Dinge zu singen, ohne dass die Polizei sie verstand.“

In einer unscheinbaren Seitenstraße klopfte Yiannis ein kompliziertes Muster an eine scheinbar verlassene Tür. „Ein Code aus der alten Zeit,“ flüsterte er.

„Manche dieser Tavernen existieren seit den 1920er Jahren, ohne je ein Schild an der Tür zu haben.“

Die Taverne „I Palia Istoria“ (Η Παλιά Ιστορία) war in einem Keller versteckt. Der Raum war in dicken Zigarettenqualm gehüllt, und die Musiker – zwei Männer mit Bouzoukis, einer mit einer Baglamas und ein Perkussionist – spielten mit geschlossenen Augen.

Die Luft war schwer vom süßlichen Duft des Haschischs, das heimlich in einer Ecke geraucht wurde. Eine Frau mittleren Alters mit hennaroten Haaren tanzte allein, ihre Hände beschrieben komplizierte Figuren in der Luft, als würden sie eine Geschichte erzählen

Hier,“ sagte Yiannis und drückte Alexandros ein Glas in die Hand, „Echter Raki aus Kreta. Nicht der Touristenstoff.“

Die Musiker begannen ein neues Lied, langsamer, schwerer. „Zeibekiko,“ (Ζεϊμπέκικο) erklärte Yiannis flüsternd. „Der Tanz der Schmerzen. Man tanzt ihn allein.“

Ein alter Mann erhob sich, das Gesicht von tiefen Falten durchzogen. Jeder Schritt schien ihn Mühe zu kosten, doch als er zu tanzen begann, verschwand das Alter aus seinen Bewegungen. Seine Füße zeichneten komplizierte Muster auf den Boden, seine Arme breiteten sich wie Adlerschwingen aus.

„Er tanzt für seinen Sohn,“ flüsterte die rothaarige Frau, die sich zu ihnen gesellt hatte. „Er starb auf See, vor dreißig Jahren. Jedes Jahr tanzt Kostas in dieser Nacht für ihn.“

Als die Musik in eine Pause überging, fiel Alexandros‘ Blick auf ein altes, vergilbtes Foto an der Wand. Es zeigte einen dunkelhaarigen Mann mit tiefliegenden Augen und einem melancholischen Gesichtsausdruck.

Stratos Payioumtzis,“ (Στράτος Παγιουμτζής) sagte ein alter Mann, der seinen Blick bemerkt hatte. „Ein großer Sänger, den fast alle vergessen haben. Während der deutschen Besatzung zwangen ihn die Offiziere, für sie zu singen. Es brach etwas in ihm. Er versteckte sich danach jahrelang, wollte nicht mehr auftreten. Erst kurz vor seinem Tod in den 80ern wurde er wiederentdeckt.“ Der Alte tippte sich an die Brust. „Ich war dabei, bei seiner letzten Aufnahme.“

Rembetiko: Mann tanzt den Zeibekiko
Draußen ~ Unter dem Vollmond
Mondaufgang über Berg

Als sie später aufbrechen wollten, hielt der Bouzouki-Spieler Alexandros am Arm fest. „Warte,“ sagte er, „es ist Vollmond heute. Eine besondere Nacht.“

Er nahm seine Bouzouki vom Haken an der Wand und trat nach draußen in eine kleine Gasse. Tatsächlich stand der Mond voll und rund am Himmel. Der Musiker begann, an den Wirbeln seines Instruments zu drehen.

„Was macht er?“ flüsterte Alexandros.

„Mondlicht-Stimmen,“ antwortete Yiannis ehrfürchtig. „Eine alte Tradition. Manche Rembetiko Meister stimmen ihre Instrumente nur bei Vollmond. Sie sagen, der Klang wird reiner, tiefer.“

Der Bouzouki-Spieler begann zu spielen, und tatsächlich schien der Klang anders – kristallklar und gleichzeitig geheimnisvoll, als käme er nicht nur von den Saiten, sondern auch vom Mond selbst.

„Diese Technik, die er verwendet,“ flüsterte Yiannis, „das ‚Tsifteteli-Tremolo‘ (Τσιφτετέλι τρέμολο) – nur eine Handvoll Spieler beherrschen es noch. Es wird nicht aufgeschrieben, nur durch direkte Weitergabe gelernt.“

Alexandros schloss die Augen und ließ die Musik in sich eindringen. Das Tremolo der Bouzouki klang tatsächlich wie das Spiel der Wellen des Ägäischen Meeres.

Am Wasser ~ Drei Uhr morgens
Rembetiko: Palmen bei Nacht mit Vollmond

Die Uhr zeigte drei, als sie weiterzogen. Alexandros‘ Kopf drehte sich vom Alkohol und den Geschichten, die er gehört hatte. Yiannis führte ihn zu einer kleinen Taverne direkt am Wasser. „Ta Kymmata“ (Τα Κύμματα) – Die Wellen. Das Rauschen des Meeres vermischte sich mit den Klängen eines ungewöhnlichen Instruments, das Alexandros nie zuvor gesehen hatte.

„Was ist das?“ fragte er, auf das flache, hölzerne Instrument mit den unzähligen Saiten deutend, das wie das offene Herz eines Klaviers aussah.

„Ein Santouri,“ (Σαντούρι) antwortete ein elegant gekleideter älterer Herr, der am Nebentisch saß. „Das Klavier des Orients. Die Flüchtlinge brachten es aus Smyrna mit, als die Stadt brannte. Es trägt die Seele des verlorenen Paradieses in sich.“

Der Klang des Instruments war hypnotisch – ein silbriges Flimmern, kristallklar wie Wasser, aber mit den vibrierenden Obertönen und der Wehmut orientalischer Musik. Der Spieler ließ die kleinen Hämmerchen so schnell über die Saiten tanzen, dass das Auge kaum folgen konnte.

Der Gitarrist, ein Mann mit einem zerfurchten Gesicht und Händen wie Baumwurzeln, sang mit einer Stimme, die klang, als hätte er Glasscherben geschluckt.

„Ein Smyrneiko,“ (Σμυρνέικο) erklärte ein alter Fischer, der mit ihnen am Tisch saß. „Lieder aus Smyrna, von den Flüchtlingen gebracht, als die Stadt fiel. Meine Großmutter kam von dort.“

Eine Flasche Ouzo (Ούζο) erschien auf dem Tisch, zusammen mit Wasser und Eiswürfeln. Das Anisgetränk wurde milchig, als es mit Wasser in Berührung kam.

„Siehst du den Mann dort in der Ecke?“ Yiannis nickte kaum merklich in Richtung des elegant gekleideten älteren Herrn. „Ein ehemaliger Mangas. In den 50er Jahren hatte er das halbe Viertel unter Kontrolle.“

Der Mann bemerkte ihre Blicke und kam mit seinem Glas zu ihnen herüber. Alexandros bemerkte eine lange Narbe, die sich von seinem linken Ohr bis zum Kinn zog.

„Ich höre, ihr sprecht über mich,“ sagte er mit überraschend sanfter Stimme. „Die alten Geschichten sterben nie.“ Er lächelte wehmütig. „Wisst ihr, das Lied, das sie gerade spielen – ‚Varvara‚ (Βαρβάρα) – enthält über zwanzig Codewörter aus Kaliarda. Es beschreibt einen Schmugglerring, direkt unter der Nase der Behörden. Ich kannte die echte Varvara. Sie war…“ er machte eine vage Geste, „kompliziert.“

Die Nacht floss dahin wie das Meer vor der Tür, Welle um Welle. Alexandros verlor jedes Zeitgefühl. Er erinnerte sich vage, dass er tanzte, dass er sang, dass er einer jungen Frau mit traurigen Augen die Hand hielt.

Rembetiko: Mann tanzt den Zeibekiko
Morgendämmerung ~ Der Markt

Die ersten Sonnenstrahlen färbten den Horizont rosa, als sie zum Großmarkt von Piräus taumelten. Fischer brachten ihren Fang, Bauern aus dem Umland stellten ihre Waren aus. Der Geruch von frischem Brot vermischte sich mit dem von Fisch und Meeresfrüchten.

In einer Ecke des Marktes hatte sich spontan eine kleine Gruppe von Musikern versammelt – zwei der Spieler aus „I Palia Istoria“ waren darunter. Sie spielten jetzt hellere, fröhlichere Melodien, während die Marktleute ihre Stände aufbauten.

Ein Fischer schenkte ihnen gegrillten Oktopus, direkt vom Holzkohlefeuer

Eine alte Frau drückte jedem ein Stück frisches Brot in die Hand, in das sie das Zeichen des Kreuzes eingeritzt hatte

„Elliniko?“ (Ελληνικό) Ein junger Bursche balancierte ein Tablett mit kleinen Mokka Tassen

Sie saßen auf Kisten zwischen den Marktständen, der Kaffee war stark und süß, der Oktopus zart und würzig. Die Musik umgab sie wie eine Wolke.

„Weißt du,“ sagte Yiannis, seine Stimme rau vom Rauchen und Singen, „Rembetiko ist die Musik der Ausgestoßenen, der Flüchtlinge, der Verlorenen. Es ist die Seele Griechenlands – nicht die glänzenden Tempel, nicht die weißen Inseldörfer für die Touristen. Rembetiko ist, was bleibt, wenn alles andere genommen wurde.“

Ein alter Mann mit einer Baglamas (Μπαγλαμάς)– einer kleinen Version der Bouzouki – gesellte sich zu ihnen. „Du bist auf der ‚Dromos tou Rembetikou‘ gewesen,“ sagte er zu Alexandros. „Der ungeschriebenen Pilgerreise. Nicht viele Fremde finden diesen Weg.“

„Es war… unbeschreiblich,“ antwortete Alexandros.

Der Alte lächelte. „Dann bist du jetzt einer von uns. Rembetiko ist nicht nur Musik – es ist ein Weg zu leben, zu leiden, zu lieben.“

Die Sonne stand jetzt vollständig über dem Horizont. Ein neuer Tag, der letzte des Jahres. Alexandros wusste, dass er den Silvesterabend verschlafen würde, zu erschöpft von dieser Nacht der Seelen und Geschichten. Aber es war ihm egal.

Er hatte das wahre Griechenland gesehen, hatte seinen Herzschlag gespürt. Und während er langsam zu seiner Pen6sion zurücktaumelte, das Salzwasser noch auf den Lippen und die Melodien im Kopf, wusste er, dass ein Teil von ihm für immer in diesen verwinkelten Gassen von Piräus bleiben würde, tanzend zum Rhythmus des Rembetiko.

EPILOG ~ ΕΠΙΛΟΓΟΣ

Jahre später würde er manchmal aufwachen, mit dem Geschmack von Ouzo im Mund und dem Echo einer Bouzouki im Ohr. Und er würde lächeln, weil er wusste, dass er in jener Nacht nicht nur durch die Tavernen von Piräus gezogen war, sondern durch die Seele eines Volkes, durch seine Freuden und Schmerzen, seine Hoffnungen und Verluste.

Er hatte ein kleines blaues Amulett mitgebracht, das ihm der alte Bouzouki-Spieler gegeben hatte – zum Schutz, hatte er gesagt. Es lag nun neben seinem Bett, eine Verbindung zu jener Nacht, als er die geheime Sprache des Rembetiko erfahren hatte, die Mondlicht-Klänge und die Geschichten der vergessenen Helden dieser Musikwelt.

Und er würde sich fragen, ob Yiannis noch immer Fremde durch die Nacht führt, ob der alte Kostas noch immer für seinen verlorenen Sohn tanzt, ob die Musik noch immer in diesen versteckten Kellern gespielt wird, unbeachtet von der Welt da draußen.

Manche Nächte verändern uns für immer.
Manche Lieder lassen uns nie wieder los.

Ich habe Griechenland oft gesehen.
Aber in solchen Nächten zeigt es sich selbst.


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